Digitale Transformation New Work

Essenzen aus „Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen“

Auf den Punkt:

„In der Vorrunde der Digitalisierung sind wir schon ausgeschieden.“
„90 % der ‚Fortune-Top-500-Unternehmen‘ von vor 50 Jahren gibt es heute nicht mehr.“
„Die USA investieren 60 Milliarden Dollar Venture-Capital in Start-ups, in Deutschland sind es 0,78 Milliarden.“

 

Weltweit schafft die Digitalisierung eine neue Basis für Kommunikation, Wirtschaft und Technologie. Das Buch bringt prägnant und wegweisend auf den Punkt, wo die Chancen des Wandels liegen, worauf es in Politik und Wirtschaft ankommt. Und was zu tun ist, damit die große Wirtschaftsnation Deutschland im Wettbewerb um die attraktivsten Märkte den Anschluss nicht verpasst – oder gar zum Entwicklungsland mutiert. Schonungslos macht das Buch eine Bestandsaufnahme über den Entwicklungsrückstand und die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Eine Vielzahl nationalerUnternehmen verharrt nach wie vor in alten Denkmustern, Prozessen und Strukturen, so der Autor. Mut zu Risiko, Fehlern und Flexibilität seien jedoch elementare Erfolgsfaktoren, wenn Deutschland auch künftig global eine Rolle spielen möchte. Vor allem in Bildung, Innovationen und Vernetzung müsse investiert werden. Doch wie konnte es so weit kommen? Und was kann jeder Einzelne tun, damit wir wettbewerbsfähig bleiben? Die entscheidenden Erkenntnisse von Christoph Keese habe ich für euch zusammengefasst.

Die Essenzen

# Deutschland ist Land des digitalen Defizits – aus vielen Gründen.

Der Erfolg der deutschen Wirtschaft basiert vornehmlich auf traditionellen Qualitäten. Im Zeitalter der Digitalisierung sind jedoch bahnbrechende Innovationen und Technologien gefragt, die woanders herkommen.Die deutsche Wirtschaft denkt noch in den Mustern des industriellen Zeitalters. Unser Perfektionismus für makellose Qualitäten kostet Zeit und Geld – und er agiert an den schnelllebigen Märkten vorbei. Digitale Unternehmen denken in Updates: Sie bringen unfertige Prototypen auf den Markt, die direkt vom Kunden getestet und durch kurze Feedback-Schleifen perfektioniert werden. Die Rückmeldungen sind die Grundlage für Anpassungen und Verbesserungen. Der enge Austausch führt dazu, dass digitale Firmen flexibler und schneller auf individuelle Kundenbedürfnisse eingehen können.

Schlecht vernetzte Systeme

Zudem sind deutsche Unternehmen oftmals noch stark vertikal vernetzt. Zulieferer wie Autoteilhersteller müssen sich bis zur totalen Abhängigkeit für große Konzerne spezialisieren. Aufwendige Zertifizierungen zum Originalteilehersteller dauern mehrere Jahre und führen zur totalen Abhängigkeit. Rigide Auflagen, die den Austausch zwischen verschiedenen Zulieferern unterbinden, ersticken kreative Innovationen oftmals im Keim. Viele deutsche Unternehmen entwickeln Produkte, die nicht in bestehende Systeme eingebunden werden können. Navigationssysteme großer Autobauer sind fehleranfällig, langsam und schnell veraltet.Kunden nutzen daher vermehrt ihre Smartphones am Steuer, die zuverlässig den Weg beschreiben und zusätzlich Restaurants, Geschäfte und Bewertungen anzeigen.Noch viel zu wenig deutsche Unternehmen sind im Zeitalter der Digitalisierung angekommen. Dabei stehen in vielen Branchen schon in Kürze bahnbrechende Neuerungen bevor.

 

# Disruptive Innovationen revolutionieren unsere Märkte.

In mehreren Bereichen der Digitalisierung stehen große Durchbrüche bevor, deren Auswirkungen und Ausmaße wir nur erahnen können. Revolutionäre Technologien werden in den nächsten Jahren neue Märkte schaffen.Sowohl Optionen zur Weiterentwicklung des Internets als auch Robotertechnik und künstliche Intelligenzen sind davon betroffen.

Beispiele für längst erfolgsentscheidende Vernetzungen von Produkten und Prozessen sind Cloud-Computing und das mobile Internet. Vermehrt lagern Firmen ihre IT-Dienstleistungen in externe Rechenzentren aus, statt in eigenen Räumlichkeiten teure, sperrige Server zu verwalten. Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten greifen über die Cloud auf die Daten zu. Das Unternehmen zahlt ganz flexibel nur die Leistungen, die wirklich abgerufen werden. Wenn die Website einer Firma in einem Monat drei Millionen Mal aufgerufen wird und im nächsten nur 500.000, ist nur die wirklich beanspruchte Infrastruktur zu zahlen.

Mikrochips verbinden uns

Immer mehr Gegenstände werden künftig durch Mikrochips mit dem Netz kommunizieren können und Einkäufe, Lieferketten und Fertigungsprozesse revolutionieren. Da diese Chips dann günstiger sein werden als Trinkwasser, kann bald jede Milchflasche Informationen über Menge und Zustand ihres Inhalts senden. Dass wir solche Chips in den mobilen Geräten verwenden, mit denen wir uns überall und jederzeit mit dem Internet verbinden, ist ja bereits völlig selbstverständlich. Noch vor dem Jahr 2020 sollen mobile Geräte sogar die Rechenleistung eines menschlichen Gehirns erbringen.

Künstliche Intelligenz arbeitet für uns

Unkreative Routineprozesse menschlicher Handarbeit werden voraussichtlich bereits in wenigen Jahren besser und schneller von intelligenten Maschinen erledigt. Schon jetzt treffen Computer z. B. präzisere Krebsdiagnosen bei der Ausweitung von Röntgenbildern als ausgebildete Ärzte. Grund dafür ist ihre Fähigkeit, selbstständig zu lernen und Massen von Daten auszuwerten, auf deren Grundlage sie dann Algorithmen, Muster und Definitionen bilden. Entsprechend groß ist das erwartete Umsatzpotenzial. Es liegt derzeit bei 640 Mio. Dollar und wird von der Beratungsfirma MarketsandMarkets für 2020 auf über fünf Mio. Dollar geschätzt.

 

# Neue Plattformen und Netzwerke bestimmen den Wettbewerb.

Die traditionelle Wirtschaft wird von neuen Technologien, innovativen Märkten und Geschäftsmodellen vor neue Aufgaben gestellt. Ein Beispiel dafür ist der Vormarsch der Plattformen und Netzwerke, die komplett anders als die meisten deutschen Firmen arbeiten und in ihrer starken Bedeutung am Markt Wettbewerber verdrängen.

Plattformen wie Facebook, Uber, Skype und WhatsApp sind reine Dienstleister, die nicht selbst produzieren und keine eigene Infrastruktur nutzen. Uber, das inzwischen weltweit größte Taxiunternehmen, besitzt kein einziges Fahrzeug. Mit Skype und WeChat agieren zwei der wichtigsten Telefonanbieter ohne eigenes Telefonnetz. Sie schaffen die Nachfrage für ihre Dienstleistungen meistens selbst, produzieren effizient zu geringen Kosten und fahren teilweise unglaubliche Gewinne ein. Google z. B. erwirtschaftet innerhalb eines Quartals etwa so viel Gewinn wie Siemens in einem Jahr.

Produzenten verlieren an Einfluss

Wie ist das möglich? Viele dieser Internetdienste können ihre niedrigen Kosten pro Nutzer beliebig skalieren. Durch die Nutzung von Cloud-Lösungen können sie ganz flexibel nur die Serverleistung bezahlen, die sie auch wirklich beanspruchen. Und die Cloud-Dienste profitieren mächtig von diesen Entwicklungen. Amazon Web Services ist der eintragsreichste Bereich des gesamten Amazon-Imperiums.

Einer Vielzahl der Plattformen gelingt die Monopolisierung ihres Marktsegmentes durch den sogenannten Netzwerkeffekt. Das bedeutet, dass auch die Nutzer von der Größe profitieren. Je mehr Menschen auf Airbnb eine Wohnung mieten, desto breiter und günstiger wird das Angebot – und desto größer der Zuwachs an Touristen, die in die Stadt kommen. Dies wiederum führt dazu, dass mehr Menschen ihr Zuhause vermieten. Überzeugt von der Monopolisierung? – Eine Frage: Kennt jemand den jeweils zweitplatzierten Konkurrenten zu Facebook, Airbnb, Uber, Skype oder Netflix?

Auch die Art der Monetarisierung stellt einen erheblichen Unterschied zu traditionellen Geschäftsmodellen dar. Statt komplette Softwaresysteme zu verkaufen, kann der User heute Dienste in abgespeckter Form kostenlos nutzen (Spotify, Dropbox) und bei Gefallen eine Premiumversion buchen. Solch leichter, sanfter Einstieg in eine Produktwelt zieht mehr Nutzer an und führt langfristig zu höherem Erfolg.

 

# Konzerne müssen sich tief greifenden Veränderungen stellen.

Vor allem bei traditionellen Unternehmen sind einschneidende, strukturelle Transformationen notwendig. Wir sind nach wie vor zu hierarchisch organisiert. Das lähmt Entscheidungsprozesse und Reaktionszeiten für Veränderungen. Die immer schnelllebigeren Märkte erfordern aber mehr Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit. Digitale Unternehmen sind horizontal organisiert und arbeiten in kleinen, weitgehend autonomen Untereinheiten.

Über Fehler zum Lösungsweg

Diese Teams tauschen sich untereinander aus, treffen freie Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für ihre Produkte. Nach dem Prinzip „fail fast and cheap“ probieren sie neue Ideen unabhängig von langen Befehlsketten aus. Erfolgreiches wird übernommen und weiterentwickelt, Gescheitertes ohne größere Verluste verworfen. Eine solche Fehlerkultur ist nur realisierbar, wenn Firmen sich vom Perfektionismus verabschieden. Durch die komplexen, unsteten Marktgegebenheiten sind Experimente, Fehler und fixe Updates absolut wichtige Kriterien.

Mitarbeiter als Leader und Gestalter

Das gelingt nur durch Veränderung der Unternehmenskultur. Dazu gehören ein kreativer Umgang mit Problemstellungen und das Loslassen althergebrachten, schnell überholten Expertenwissens. Das Teammitglied, das den besten Lösungsweg vorschlägt, sollte für das betreffende Projekt zum Leader und Gestalter werden. An die Stelle konservativer und bürokratischer Chefetagen müssen gemeinsame Werte und Unternehmensziele treten, die die horizontal vernetzten Abteilungen wie ein ideologischer Überbau an den gemeinsamen Kurs erinnern und emotional zusammenschweißen.

Je früher sich Firmen damit anfreunden, dass die Kernprodukte von heute, irgendwann zwangsläufig durch Innovationen verdrängt werden, desto idealer kann man sich aufstellen. Wer weiterhin dabei sein möchte, investiert lieber in die eigene Konkurrenz. Der Axel-Springer-Verlag war z. B. wie viele andere Medienunternehmen schon 2006 von solchen Kräften bedroht und investierte neben der Online-Berichterstattung in die Online-Jobbörse StepStone.

 

 

# Großes Denken, Neues wagen: Wir brauchen Anschluss an die Innovationsnetzwerke.

Die Mitarbeiter von Marktführern wie Google sind laut Keese weder zwingend intelligenter noch kreativer. Vor allem die Organisationsstrukturen und die Unternehmenskultur mache die besondere Dynamik aus. Firmen sollten sich daher nicht nur den Umbau der Organisationsstruktur zum Ziel setzen, sondern auch persönlich die Nähe zu Innovationsnetzwerken suchen, um für ihre Branche am Puls der Zeit zu sein, für Trends, Ideen und Innovationen. Denn kulturelle, soziale und kreative Vielfalt bringt neue Ideen. Frische kreative Köpfe verbinden sich in Deutschland in sogenannten Innovationsclustern. Zu finden momentan in Berlin, wo sie sich den aktuellen Markt- und Technologietrends widmen.

Eine Betriebsreise ins Silicon Valley hilft

Wer sich auf den digitalen Wandel einstellen will, ist gut beraten, Betriebsausflüge und Besuche zu Digitalunternehmen in Berlin oder ins Silicon Valley zu unternehmen, um Zukunftsängste im Team zu überwinden. Skeptiker werden erfahrungsgemäß am besten von Change-Maßnahmen überzeugt, indem Nutzen und konkrete Erfolgsbeispiele aufgezeigt werden.

Wer in kurzer Zeit viele relevante Start-ups besucht, die den digitalen Wandel bereits erfolgreich vollzogen haben, erkennt mehr Chancen als Risiken in der angestrebten Umstellung.

 

# Die Politik sollte der Digitalisierung die Bedeutung geben, die sie braucht.

Einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der digitalen Transformation muss die Politik leisten, indem sie ein Klima schafft, das Existenzgründer und mutige Ideen fördert. Noch versacken zu viele wichtige Entwicklungen des digitalen Wandels im Dickicht unserer Bürokratie.

Zumal vier Ministerien sind für das wegweisende Thema zuständig sind: Verkehr, digitale Infrastruktur, Wirtschaft und Energie, Innenministerium und Justizministerium. Die Folgen sind Verzettelung und Lähmung durch unklare Zuständigkeiten sowie komplexe Entscheidungsprozesse. Das Hintertreffen bei Ausbau leistungsfähiger Glasfasernetze ist ein eindrückliches Beispiel dafür, denn wir liegen hinter den meisten Industrieländern zurück. Ein Beispiel: In der Metropole Berlin surft man mit höchstens 50 Megabit pro Sekunde, in der US-Kleinstadt Chattanooga in Tennessee mit satten 1.000. Die Folge sind Datenstaus und lange Ladezeiten großer Websites, mit teilweise katastrophalen wirtschaftlichen Folgen.

Rückstand per Gesetz

Unnötige Einschränkungen der Gesetzgebung führen zum Hinterherhinken im globalen Wettbewerb – und zu Chaos in der Regulierung neuer Bereiche, wie bei selbstfahrenden Autos oder dem Drohnenverkehr. Unsere Straßenverkehrsordnung gibt vor, dass wir mit beiden Händen am Lenkrad fahren müssen. Für fahrerlose Autos trifft diese Regelung nicht mehr zu. So wird verhindert, dass Deutschland zu den führenden Standorten der großen Industrienationen gehört, die momentan in der Autoindustrie entstehen.

Wo juristische Fragen ungeklärt sind, entstehen Optionen für rechtsfreie Räume und Firmen schreiben ihre Regeln förmlich selbst. Wer denkt, dass bspw. für YouTube die gleichen Vorschriften herrschen wie für ARD und ZDF oder für Whats-App-Nachrichten dieselben Datenschutzbestimmungen gelten wie für SMS, der irrt.

Es braucht laut Keese eine Art gesellschaftlichen Kompass für den Weg ins digitale Zeitalter. Denn: Obwohl sich in einigen Bereichen inzwischen schon Monopole gebildet haben, bietet die Digitalisierung viele Möglichkeiten für eine demokratische und emanzipierte Gestaltung sozialer Prozesse.

 

# Bildung ist das A und O zur Sicherung der Zukunft.

Unsere Kinder sind die Führungskräfte von morgen. Das behauptet unsere Bundesregierung gerne werbewirksam. Die Realität zeigt ein anderes Bild. Das deutsche Bildungssystem wird von einem riesigen Verwaltungsapparat erdrückt. Unsere Universitäten sind kaum mehr Orte wirklicher Innovation, sondern agieren wie pragmatische Behörden, ohne interne Vernetzung und mit stringenter Trennung der Fachbereiche. Das verhindert fast überall den so wichtigen interdisziplinären Austausch. Nur wenige Universitäten schaffen Schnittstellen mit Schülern und viele Schulen arbeiten mit veralteten Lehrplänen. Sie würden von engerer Vernetzung mit pädagogischen Forschungsbereichen profitieren. Positive Gegenbeispiele aus dem Ausland sind hier Israel und Palo Alto (Kalifornien). Der Bildungsauftrag der Universitäten ist bis in die Grundschulen spürbar. Zahlreiche Kooperationen, die das Interesse der Schüler besonders für naturwissenschaftliche MINT-Fächer fördern, existieren.

Auch in der Wirtschaft ist die fehlende Zukunftsorientierung deutlich zu spüren. Dynamischen Start-ups fehlen chronisch Fördermittel. Notwendiges Wagniskapital wird allzu zögerlich und in viel zu kleinen Einheiten von Banken, Risikokapitalfirmen und Privatinvestoren vergeben. Im kleinen Israel z. B.: Mit nur 8 Millionen Einwohnern wurde 2015 viereinhalbmal so viel Risikokapital investiert als bei uns im 80-Millionen-Staat Deutschland.

Laut Keese heißt es: Aufwachen. Digitalisierung muss vom Modewort zur Realität werden. Wenn Deutschland Exportnation und Land der Ingenieure bleiben will, muss es in neue Technologien, Netzwerke, Geschäftsmodelle und Strukturen investieren. Und: wir müssen viel stärker mutige Ideen, zukunftsfähige Bildungskonzepte und junge, kluge Köpfe fördern.

 

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